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Arbogast zerreißt den Befehl des Kaisers

Der junge Kaiser Valentinian II. saß auf seinem Thron, als der Heermeister Arbogast vor ihn trat. Valentinian reichte ihm ein Schreiben: Arbogast war entlassen. Der General las den Text, zerriss ihn vor den Augen des Kaisers und warf die Stücke zu Boden. Dann erklärte er: „Du hast mir das Amt nicht gegeben und wirst es mir auch nicht nehmen können.“

Wahrscheinlich spielte sich diese Konfrontation 392 am Kaiserhof in Vienne ab, wenige Wochen oder Monate vor Valentinians Tod. Der griechische Geschichtsschreiber Zosimos, der die Szene mehr als hundert Jahre später schilderte, nennt allerdings weder einen Ort noch ein genaues Datum. Ob Arbogast seine Worte tatsächlich so wählte, lässt sich daher nicht mehr feststellen. Der Konflikt, den die Erzählung sichtbar macht, war jedoch real: Valentinian trug den Kaisertitel, doch Arbogast befehligte die Soldaten.

Was bedeutete „Franke“?

Römische Autoren verwendeten den Namen „Franken“ seit dem späten 3. Jahrhundert für verschiedene Gruppen an Nieder- und Mittelrhein. Diese Menschen besaßen weder einen gemeinsamen Staat noch einen Herrscher, dem alle gehorchten. Manche kämpften gegen Rom, andere schlossen Verträge mit den Kaisern, siedelten innerhalb des Reiches oder traten in die römische Armee ein.

Die Herkunft aus einer fränkischen Familie und eine Karriere im römischen Dienst schlossen sich deshalb nicht aus. Zahlreiche Männer aus den Gebieten jenseits der Reichsgrenze dienten als Soldaten und Offiziere. Einige von ihnen stiegen bis in die höchsten militärischen Ämter auf. Merobaudes, Bauto, Richomer und schließlich Arbogast waren Franken, befehligten aber römische Truppen und handelten im Namen römischer Kaiser.

Auch Arbogast begriff sich offenbar als Angehöriger dieser römischen Welt. Über seine Jugend und seine Familie ist wenig bekannt. Sicher ist nur, dass er eine militärische Laufbahn einschlug und unter Kaiser Gratian als Offizier unter dem ebenfalls fränkischstämmigen Heermeister Bauto diente. Seine Herkunft machte ihn in den Augen der Römer zu einem Franken; seine Macht beruhte jedoch auf seinem Rang im kaiserlichen Heer.

Ein Reich im Bürgerkrieg

Valentinian II.

Arbogasts Aufstieg fiel in eine Reihe römischer Machtkämpfe. Im Jahr 383 erhoben Truppen in Britannien ihren Befehlshaber Magnus Maximus zum Kaiser. Der Usurpator setzte nach Gallien über und gewann rasch Anhänger. Kaiser Gratian floh, wurde eingeholt und getötet.

Damit blieben im Westen zwei Kaiser übrig. Maximus herrschte über Britannien, Gallien und Spanien. Der erst zwölfjährige Valentinian II. hielt sich zunächst in Italien. Er war bereits 375 im Alter von vier Jahren zum Kaiser erhoben worden und stand unter dem starken Einfluss seiner Mutter Justina sowie seiner militärischen Befehlshaber.

Mehrere Jahre lang duldeten sich beide Kaiser. Im Jahr 387 überschritt Maximus jedoch die Alpen und fiel in Italien ein. Valentinian floh mit seiner Mutter und seiner Schwester Galla nach Thessaloniki. Dort bat die Familie den oströmischen Kaiser Theodosius I. um Hilfe. Theodosius heiratete Galla und zog 388 mit einem Heer gegen Maximus.

Der Feldzug war erfolgreich. Maximus wurde bei Aquileia gefangen genommen und hingerichtet. Sein Sohn Victor, den er in Gallien zum Mitkaiser erhoben hatte, fiel wenig später Arbogast in die Hände und wurde getötet. Valentinian erhielt seinen westlichen Reichsteil zurück.

Auf dem Papier war der junge Kaiser damit wieder Herrscher über Gallien und Italien. In der Praxis hinterließ Theodosius ihm einen mächtigen Heermeister: Arbogast.

Der Kaiser und sein General

Arbogast hatte sich im Krieg gegen Maximus bewährt. Nach dem Sieg behielt er das Kommando über die wichtigsten Truppen des Westens. Seine Stellung beruhte vor allem auf dem Vertrauen der Soldaten und auf seiner Verbindung zu Theodosius, der Valentinian wieder eingesetzt hatte.

Valentinian war inzwischen zu einem jungen Mann herangewachsen. Nach seiner Rückkehr in den Westen hielt er sich zunächst in Trier auf; spätestens 391 befand sich sein Hof in Vienne an der Rhône. Dort verfügte er über Beamte und die Insignien des Kaisertums. Das Kommando über die Truppen blieb jedoch bei Arbogast.

Der Heermeister soll eigene Vertraute in militärische und zivile Ämter gebracht haben. Mit Geschenken band er Offiziere und Soldaten an sich. Befehle des Kaisers konnte er verhindern, wenn sie seinen Absichten widersprachen. Valentinian besaß einen Hof, aber offenbar keine Streitmacht, auf deren Gehorsam er sich gegen den eigenen Heermeister verlassen konnte.

Diese Lage musste für den jungen Herrscher immer schwerer zu ertragen sein. Valentinian beanspruchte nun das Recht, seine Amtsträger selbst auszuwählen und zu entlassen. Gerade bei Arbogast konnte er diesen Anspruch aber kaum durchsetzen.

Das zerrissene Schreiben

In dieser Lage verfasste Valentinian das Entlassungsschreiben. Nach Zosimos ließ er Arbogast zu sich kommen und übergab ihm das Dokument, während er selbst auf dem Kaiserthron saß. Die Inszenierung sollte unmissverständlich zeigen, wer hier befahl.

Arbogast erkannte den Befehl nicht an. Seine Antwort traf den schwächsten Punkt von Valentinians Herrschaft: Der junge Kaiser hatte ihm das Amt tatsächlich nicht verschafft. Arbogast verdankte seine Stellung dem vorausgegangenen Bürgerkrieg, dem Rückhalt der Armee und letztlich Theodosius. Ohne Soldaten konnte Valentinian die Entlassung weder erzwingen noch einen Nachfolger einsetzen.

Arbogast griff trotzdem nicht selbst nach der Kaiserkrone. Er ließ Valentinian auf dem Thron und führte weiterhin dessen Heer. Damit blieb die äußere Form der kaiserlichen Herrschaft bestehen, während der General die militärischen Entscheidungen traf.

Wie lange es zwischen der Übergabe des Schreibens und Valentinians Tod dauerte, lässt sich nicht sicher bestimmen. Die Episode wird gewöhnlich in die letzte Phase des Konflikts eingeordnet, wahrscheinlich in das Jahr 392 und nach Vienne.

Der Tod des jungen Kaisers

Am 15. Mai 392 wurde Valentinian in seiner Residenz in Vienne erhängt aufgefunden. Er war 21 Jahre alt und hatte fast sein gesamtes Leben den Kaisertitel getragen.

Schon unter den Zeitgenossen kursierten unterschiedliche Erklärungen. Nach einer Version hatte Valentinian sich selbst getötet, weil er keinen Ausweg aus seiner Abhängigkeit von Arbogast sah. Andere behaupteten, der Heermeister habe den Kaiser erwürgen lassen. Arbogast verfügte über die Macht und hatte ein offenkundiges Interesse daran, seine Stellung zu bewahren. Ein Mord lässt sich dennoch nicht beweisen.

Auch die überlieferten Berichte lösen den Fall nicht. Sie entstanden unter dem Eindruck des anschließenden Krieges, in dem Arbogast zum Gegner Theodosius’ wurde. Für spätere Autoren lag es nahe, ihn bereits für Valentinians Tod verantwortlich zu machen. Gewissheit besteht nur darüber, dass der junge Kaiser während des offenen Machtkampfes mit seinem Heermeister starb.

Arbogast war nun der mächtigste Mann im Westen.

Eugenius wird Kaiser

Eugenius, zwischen 392 und 394

Mehrere Monate lang blieb der westliche Thron unbesetzt. Am 22. August 392 ließ Arbogast Eugenius zum Kaiser ausrufen. Eugenius hatte als Rhetoriklehrer gearbeitet und später ein ziviles Amt am Hof bekleidet. Er verfügte weder über eine eigene Armee noch über eine starke familiäre Stellung. Seine Herrschaft war deshalb von Beginn an eng mit Arbogast verbunden.

Die Wahl zeigt, dass der Heermeister weiterhin innerhalb römischer Formen handeln wollte. Arbogast setzte einen römischen Amtsträger ein, der als Kaiser auftreten und die zivile Regierung führen konnte. Er selbst behielt den Oberbefehl über das Heer.

Eugenius bemühte sich um die Anerkennung durch Theodosius. Der Kaiser im Osten ging darauf nicht ein. Stattdessen erhob er im Januar 393 seinen eigenen Sohn Honorius zum Augustus des Westens. Damit standen sich zwei Ansprüche gegenüber: Eugenius herrschte tatsächlich über den Westen, während Theodosius den jungen Honorius als rechtmäßigen Kaiser betrachtete.

Spätere christliche Autoren schilderten den folgenden Kampf häufig als Auseinandersetzung zwischen Christentum und heidnischer Reaktion. Das greift zu kurz. Eugenius war selbst Christ, kam aber den heidnischen Senatoren in Rom entgegen und gestattete die Wiederherstellung einiger ihrer früheren Privilegien. Dadurch erhielt der Bürgerkrieg auch eine religiöse Färbung. Im Kern ging es jedoch um die Frage, wer den westlichen Kaiser einsetzen durfte.

Ein Franke kämpft gegen Franken

Bevor Theodosius gegen ihn marschierte, reiste Eugenius mit Arbogast an den Rhein. Im Winter 393/394 hielten sie sich in Köln auf und führten jenseits des Flusses einen Feldzug gegen fränkische Gruppen.

Der Heermeister wollte die Grenze sichern und zugleich beweisen, dass Eugenius den Westen wirksam verteidigen konnte. Arbogast führte einen römischen Feldzug gegen Männer, die römische Autoren ebenso wie ihn als Franken bezeichneten. Eine gemeinsame Abstammung begründete noch kein Bündnis.

Für Arbogast verlief die entscheidende Trennlinie nicht zwischen Römern und Franken. Sie verlief zwischen dem Heer, das er befehligte, und den Kriegern, die römisches Gebiet bedrohten. Er verteidigte das Reich, in dem er seine gesamte Laufbahn gemacht hatte.

Theodosius ließ sich durch den Erfolg am Rhein nicht zur Anerkennung des Eugenius bewegen. Er sammelte im Osten ein Heer, in dem neben römischen Verbänden auch zahlreiche gotische Krieger dienten, und zog nach Westen.

Die Schlacht am Frigidus

Am 5. September 394 trafen die Heere am Fluss Frigidus aufeinander, wahrscheinlich im Tal der heutigen Vipava in Slowenien. Das Gelände zwischen Bergen und engen Flusstälern erschwerte den Angriff. Arbogast hatte die Zugänge nach Italien besetzt und erwartete Theodosius in einer starken Stellung.

Am ersten Kampftag griffen die Truppen des Theodosius an und erlitten hohe Verluste. Besonders schwer traf es die gotischen Verbände, die an der Spitze des Heeres kämpften. Am Abend konnten Eugenius und Arbogast glauben, den Angriff abgewehrt zu haben.

Am 6. September begann der Kampf erneut. Ein Teil der Truppen des Eugenius wechselte die Seite oder öffnete den Gegnern einen Zugang. Zudem soll ein starker Fallwind den Soldaten des Theodosius geholfen haben, indem er den Männern des Arbogast Staub und Geschosse ins Gesicht trieb. Christliche Autoren machten daraus später ein sichtbares Eingreifen Gottes. Wie stark der Wind den Ausgang tatsächlich beeinflusste, lässt sich nicht mehr klären.

Am Ende brach das westliche Heer zusammen. Eugenius wurde gefangen genommen und enthauptet. Arbogast entkam zunächst in die Berge. Als er erkannte, dass er kein neues Heer sammeln konnte, tötete er sich wenige Tage später selbst.

Theodosius war damit wieder alleiniger Kaiser des gesamten Reiches. Sein Sieg währte jedoch nur kurz. Im Januar 395 starb er in Mailand. Der Osten fiel an seinen älteren Sohn Arcadius, der Westen an Honorius. Beide waren jung und von mächtigen Beratern sowie Heerführern abhängig.

Das Problem, das sich im Konflikt zwischen Valentinian und Arbogast gezeigt hatte, war damit keineswegs verschwunden.


Teilung des Römischen Reiches im Jahr 395

Zum Weiterlesen

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Jussen, B. (2024): Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur.*

Rosen, K. (2023): Die Völkerwanderung.*

Scholz, S. (2015): Die Merowinger.*

Bildnachweis

Titel: Die Schlacht am Frigidus, 1689.

Alle Bilder gemeinfrei.

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