Im Juni 1950 erschien in den USA ein Heft, das für Beschäftigte in Radio und Fernsehen gefährlich werden konnte. Red Channels führte 151 Menschen auf und sammelte Hinweise auf ihre angeblichen kommunistischen Verbindungen. Unter ihnen war der Schauspieler Joseph Julian.
Die Veröffentlichung lieferte Sendern eine Liste politisch verdächtiger Mitarbeiter. Wer darin stand, musste damit rechnen, dass Aufträge ausblieben. Für Julian begann ein beruflicher Abstieg, der sich bald an seinen Einkünften ablesen ließ.
Ehemalige Ermittler verkaufen Informationen
Hinter dem Heft stand die Firma American Business Consultants, die drei ehemalige FBI-Agenten gegründet hatten. Sie überprüfte Mitarbeiter für Unternehmen und veröffentlichte den antikommunistischen Nachrichtendienst Counterattack.
Die Gründer nutzten ihre Erfahrung und ihre Kontakte aus der Zeit beim FBI. Das verlieh ihren Veröffentlichungen den Anschein besonderer Sachkenntnis. Unternehmen konnten politische Informationen über Beschäftigte beziehen, ohne selbst aufwendig zu recherchieren.
Red Channels machte solche Angaben für die Rundfunkbranche leicht zugänglich. Die Einträge verwiesen auf Verbindungen zu Organisationen, die den Herausgebern verdächtig erschienen. Darunter waren auch liberale Vereinigungen. Politisches Engagement konnte so zum beruflichen Risiko werden.
Im frühen Kalten Krieg befürchteten Antikommunisten, Unterhaltungsprogramme könnten sowjetfreundliche Vorstellungen verbreiten. Diese Anschuldigung richtete sich auch gegen Menschen, deren Arbeit selbst keinen solchen Inhalt erkennen ließ.
Die Geldgeber entscheiden mit
Der amerikanische Rundfunk lebte von Werbung. Unternehmen finanzierten Sendungen, um ihre Produkte bekannt zu machen. Ihre Werbeagenturen hatten großen Einfluss darauf, wer vor die Kamera oder ans Mikrofon kam.
Diese Geldgeber wollten öffentliche Kontroversen vermeiden. Der Verdacht, eine Sendung beschäftige Kommunisten, erschien ihnen als Geschäftsrisiko. Antikommunistische Aktivisten konnten deshalb Druck auf einen Sender ausüben, indem sie sich an dessen Werbekunden wandten.
Für die Entscheidung über einen Auftrag genügte dann häufig die Sorge vor schlechter Publicity. Ein Produzent mochte einen Schauspieler schätzen; wenn der Geldgeber dessen Beschäftigung ablehnte, wurde die Rolle anderweitig besetzt.
Red Channels entwickelte sich zu einem wichtigen Nachschlagewerk für solche Entscheidungen.
Ein Auftrag nach dem anderen verschwindet
Für freie Schauspieler konnte die schwarze Liste besonders schwer zu greifen sein. Sie lebten von einzelnen Engagements. Wenn neue Angebote ausblieben, brauchte es dafür keine förmliche Entlassung.
Der Druck erfasste auch die Auswahl künftiger Mitarbeiter. Produzenten bevorzugten Menschen, deren politische Vergangenheit möglichst wenig Angriffsfläche bot. Wer öffentlich Stellung bezogen hatte, konnte schon dadurch riskanter erscheinen.
So beeinflusste die schwarze Liste den Berufsalltag über die unmittelbar Genannten hinaus. Auch wer weiterhin für Radio und Fernsehen tätig war, hatte einen zusätzlichen Grund, politische Aktivitäten vorsichtig abzuwägen.
Joseph Julians Einkünfte brechen ein
Bei Joseph Julian lässt sich die wirtschaftliche Wirkung konkret verfolgen. Im Jahr 1950, als sein Name in Red Channels erschien, verdiente er noch 17.394 Dollar. Im folgenden Jahr waren es 11.858 Dollar.
1952 sank sein Einkommen auf 6.710 Dollar. Ein Jahr später blieben ihm 1.630 Dollar.
Julian konnte weiter einzelne Arbeiten finden. Doch innerhalb weniger Jahre war aus einem gut bezahlten Beruf eine Tätigkeit geworden, die ihm nur noch einen Bruchteil seines früheren Einkommens einbrachte.
Zum Weiterlesen
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Cohen, L. (2003): A Consumers’ Republic. The Politics of Mass Consumption in Postwar America.* Gesellschaftsgeschichte des amerikanischen Nachkriegswohlstands mit einer differenzierten Einordnung des GI Bill.
Patterson, J. T. (1996): Grand Expectations. The United States, 1945–1974.* Umfassende Darstellung der amerikanischen Nachkriegsgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Veränderungen.
Bildnachweis
Titel: „Counterattack“ vom 7. Mai 1948.




