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Vier Elefanten für Leopold – Wie ein König den Kongo an sich brachte

Ende Mai 1879 ankert der Dampfer Chinsura vor der ostafrikanischen Küste bei Dar es Salaam. An Bord befinden sich vier Elefanten aus Indien. Mit ihnen sind mehrere Mahuts angereist, die den Umgang mit den Tieren beherrschen. Der Expeditionsleiter Frederick Carter soll die Gruppe über bestehende Karawanenwege bis zum Tanganjikasee führen. Unterwegs will König Leopold II. von Belgien erproben lassen, ob sich die Tiere als Lastenträger einsetzen und ihre afrikanischen Artgenossen für dieselbe Arbeit abrichten lassen.

Noch besitzt Leopold am Tanganjikasee kein Territorium. Den Kongo hat er nie betreten und wird es auch später nicht tun. Trotzdem plant er bereits Stationen und Verkehrswege, über die regelmäßige Transporte laufen sollen. In Europa präsentiert er den Zug als Teil eines wissenschaftlichen Vorhabens, das den Sklavenhandel zurückdrängen und Zentralafrika erschließen soll. Hinter dieser Fassade steht eine andere Frage: Wie lassen sich Waren aus dem Landesinneren an die Küste bringen, wenn Stromschnellen die Flüsse unterbrechen und lange Landwege zu überwinden sind?

Die ungewöhnliche Karawane soll darauf eine Antwort liefern. Doch ihr Marsch wird zum Fehlschlag. Drei Tiere sterben unterwegs; nur die Elefantenkuh Pulmalla erreicht den Tanganjikasee. Auch sie stirbt 1880 in Karema am Ostufer des Sees. Die geplante Ausbildungsstation kommt zunächst nicht zustande. Während die Presse über Carters Expedition berichtet, arbeitet an der Mündung des Kongo bereits ein zweiter Beauftragter des Königs: Henry Morton Stanley.

Der König sucht ein überseeisches Reich

Leopold und Marie Henriette

Leopold besteigt 1865 den belgischen Thron. Sein Land ist klein, dicht besiedelt und früh industrialisiert. Der neue Monarch sieht überseeischen Besitz als Quelle von Ansehen und Einnahmen. Belgien zeigt jedoch wenig Interesse an kolonialen Abenteuern. Parlamentarier scheuen die Kosten, Kaufleute investieren lieber in bekannte Märkte. Leopold sucht deshalb nach einem Weg, der zunächst ohne eine belgische Kolonie auskommt.

Im September 1876 lädt er Geografen und Forschungsreisende sowie Vertreter humanitärer Organisationen nach Brüssel ein. Sie beraten darüber, wie Europäer das Innere Afrikas erkunden und den ostafrikanischen Sklavenhandel bekämpfen könnten. Aus der Konferenz entsteht die Internationale Afrika-Gesellschaft. Nationale Komitees sollen Expeditionen finanzieren und eine Kette von Stationen zwischen der Küste im Osten des Kontinents und den großen Seen errichten.

Leopold übernimmt den Vorsitz. Er stellt Räume in Brüssel bereit und pflegt das Bild eines uneigennützigen Förderers. Die neue Organisation besitzt eine blaue Flagge mit goldenem Stern und spricht von Wissenschaft sowie humanitärer Hilfe. Doch die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg bleibt schwach. Viele nationale Komitees verfolgen eigene Ziele oder verlieren rasch das Interesse. Der belgische Zweig hingegen bleibt eng an den König gebunden. Auf diese Weise kann Leopold im Namen einer internationalen Initiative handeln, obwohl er die wichtigsten Entscheidungen selbst trifft.

Der Elefantenzug gehört zu dieser ostafrikanischen Phase. Die Tiere sollen nicht nur Ausrüstung befördern. Sie stehen für die Hoffnung, den Transport im Landesinneren grundlegend zu verändern. Leopold denkt dabei in langen Zeiträumen. Wenn sich afrikanische Elefanten fangen und abrichten lassen, könnten sie Wege öffnen und schwere Lasten bewegen. Der Tod von drei Tieren beendet diese Vorstellung nicht. Später lässt der König im Nordosten des Kongo tatsächlich Elefantenstationen errichten.

Vorerst richtet sich sein Blick jedoch auf einen anderen Zugang nach Zentralafrika.

Stanley folgt dem Fluss

Henry Morton Stanley, 1872

Henry Morton Stanley erreicht 1877 nach einer Durchquerung Afrikas die Atlantikküste. Während dieser Reise hat er den Lauf des Lualaba verfolgt und gezeigt, dass der Fluss in den Kongo übergeht und zum Atlantik führt. Damit ist für europäische Interessenten klar, dass der gewaltige Strom einen Zugang tief ins Landesinnere bieten kann. Großbritannien will Stanleys Vorschläge für eine weitere Expedition nicht finanzieren. Leopold greift zu.

Im Herbst 1878 verpflichtet sich Stanley zum Dienst für Leopold. Im Dezember übernimmt er die Leitung einer Expedition für das neu gegründete Comité d’études du Haut-Congo, das die wirtschaftlichen Möglichkeiten am oberen Fluss untersuchen soll. Aus diesem Gremium geht bald die Internationale Kongo-Gesellschaft hervor, die der König ebenfalls von Brüssel aus lenkt.

Stanley erreicht 1879 die Kongomündung. Zwischen dem Atlantik und dem breiten Becken des Stanley-Pools, dem heutigen Pool Malebo, verhindern zahlreiche Stromschnellen eine durchgehende Schifffahrt. Dampfer müssen zerlegt und ihre Bauteile über Land getragen werden, bevor Arbeiter sie oberhalb der Katarakte wieder zusammensetzen. Der Expeditionsleiter lässt einen Weg anlegen und gründet entlang der Strecke mehrere Stationen. 1881 entsteht am Pool Léopoldville, aus dem später Kinshasa hervorgeht.

Diese Arbeit findet nicht in einem leeren Raum statt. An der Küste und am unteren Fluss kontrollieren afrikanische Herrscher seit Langem Handelsplätze und Zollstellen. Sie handeln mit europäischen Kaufleuten, beschränken deren Bewegungsfreiheit und lassen sich für die Durchfahrt bezahlen. Weiter im Landesinneren verbinden regionale Netze zahlreiche Gemeinschaften miteinander. Stanley kann sich nur bewegen, weil afrikanische und sansibarische Arbeitskräfte Boote steuern und Lasten tragen, während andere als Übersetzer vermitteln.

Leopolds Beauftragter soll deshalb nicht allein Stationen bauen. Er schließt auch Abkommen mit lokalen Autoritäten. Die überlieferten europäischen Fassungen erklären, dass Land oder Hoheitsrechte an die Internationale Kongo-Gesellschaft übergehen. Als Gegenleistung verteilt Stanley Stoffe und andere Waren oder verspricht regelmäßige Zahlungen. Wie die Unterzeichner diese Abmachungen verstanden, lässt sich nicht in jedem Fall feststellen. Manche dürften darin Handelsvereinbarungen oder Schutzbündnisse gesehen haben. Die Vorstellung, mit einem Zeichen unter einem fremdsprachigen Text die dauerhafte Souveränität über große Flächen abzutreten, entsprach nicht zwangsläufig ihren politischen Begriffen.

Leopold behandelt die Dokumente dennoch als Eigentums- und Herrschaftstitel. Bis 1884 sammelt Stanley mehrere hundert solcher Vereinbarungen. Auf europäischen Karten entsteht dadurch der Eindruck eines zusammenhängenden Territoriums. Vor Ort reichen die tatsächlichen Einflusszonen kaum über die Stationen und Verkehrswege hinaus.

Zwei Flaggen am Stanley-Pool

Leopold steht unter Zeitdruck. Frankreich schickt Pierre Savorgnan de Brazza in das Gebiet nördlich des Kongo. Im September 1880 schließt Brazza mit dem Makoko, dem Herrscher der Tio, einen Vertrag. Frankreich bestätigt die Vereinbarung zwei Jahre später. Am nördlichen Ufer des Stanley-Pools entsteht Brazzaville. Gegenüber baut Stanley Léopoldville aus. Damit treffen die Ansprüche zweier europäischer Mächte unmittelbar aufeinander.

Auch Portugal beruft sich auf alte Rechte an der Kongomündung. In einem Vertrag vom Februar 1884 sagt Großbritannien zu, diese Ansprüche grundsätzlich anzuerkennen. Das Abkommen wird jedoch nie ratifiziert. Kaufleute und andere Regierungen fürchten, Portugal könne den Zugang zum Fluss beschränken. Leopold nutzt den Widerstand. Seine Gesellschaft verspricht freien Handel und gleiche Bedingungen für ausländische Unternehmen. Zugleich verpflichtet sie sich zum Kampf gegen den Sklavenhandel. Damit bietet sie den europäischen Mächten eine bequeme Lösung: Keine große Kolonialmacht soll allein über den Kongo verfügen, während Leopolds scheinbar internationale Organisation die Wasserstraße offenhält.

Der frühere amerikanische Diplomat Henry Shelton Sanford wirbt in Washington für den König. Am 22. April 1884 erkennen die Vereinigten Staaten die Flagge der Internationalen Kongo-Gesellschaft als die einer befreundeten Regierung an. Die amerikanische Erklärung lobt ausdrücklich deren angeblich humanitäre Ziele. Leopold verfügt damit über seinen ersten bedeutenden diplomatischen Erfolg, obwohl die Organisation weder eine gewählte Führung noch eine Bevölkerung besitzt, die ihrer Herrschaft zugestimmt hätte.

Nun muss er auch die europäischen Staaten gewinnen.

Was in Berlin entschieden wurde

Am 15. November 1884 treten in Berlin Vertreter von vierzehn Staaten zusammen. Reichskanzler Otto von Bismarck leitet die Beratungen. Im Mittelpunkt stehen der freie Handel im Kongobecken, die Schifffahrt auf Kongo und Niger sowie Regeln für neue Besitzansprüche an den afrikanischen Küsten. Kein afrikanischer Herrscher nimmt an den Verhandlungen teil.

Neben den offiziellen Sitzungen verhandeln Leopolds Diplomaten mit den einzelnen Regierungen. Eine Macht nach der anderen erkennt die Internationale Kongo-Gesellschaft an. Paris hat sich bereits im April 1884 ein Vorkaufsrecht gesichert, falls die Gesellschaft ihre Besitzungen später verkaufen sollte. Durch Vereinbarungen mit Frankreich und Portugal werden zugleich wichtige Grenzfragen geregelt.

Stanley hält sich während der Verhandlungen in Berlin auf und berät vor allem bei geografischen Fragen. Seine Stationen, Karten und Verträge liefern Leopold den Anschein einer bereits bestehenden Ordnung. Der König verspricht im Gegenzug Handelsfreiheit und freien Schiffsverkehr. Diese Zusagen entsprechen den Interessen europäischer Händler. Ob seine Verwaltung das riesige beanspruchte Land tatsächlich kontrolliert, spielt bei der Anerkennung nur eine geringe Rolle.

Am 26. Februar 1885 endet die Konferenz mit der Unterzeichnung der Generalakte. Sie schreibt unter anderem die Freiheit des Handels in weiten Teilen des Kongobeckens fest und verpflichtet die Unterzeichner, gegen den Sklavenhandel vorzugehen. Der Text schafft einen völkerrechtlichen Rahmen für die weitere koloniale Expansion. Leopolds Stellung beruht auf den einzelnen Anerkennungen und Grenzabkommen.

Zwei Staaten, ein König

Nun muss Leopold noch ein Problem in Belgien lösen. Die Verfassung erlaubt dem König nicht ohne Zustimmung des Parlaments, zugleich Oberhaupt eines anderen Staates zu werden. Die Abgeordnetenkammer erteilt diese Erlaubnis am 28. April 1885, der Senat folgt zwei Tage später. Belgien übernimmt das neue Gemeinwesen damit nicht als Kolonie. Die Verbindung besteht ausschließlich in der Person des Monarchen.

Am 1. August zeigt Leopold den Mächten an, dass aus den Besitzungen der Internationalen Kongo-Gesellschaft der Unabhängige Kongostaat hervorgegangen ist. Im Deutschen setzt sich dafür die Bezeichnung Kongo-Freistaat durch. Sein Name verspricht Freiheit, meint aber vor allem die Unabhängigkeit des neuen Gebildes von Belgien und anderen Staaten. Die Menschen, die innerhalb seiner Grenzen leben, wurden weder gefragt noch als Bürger an seiner Gründung beteiligt.

Freistaat Kongo, 1892

Leopold ist jetzt zugleich König der Belgier und souveräner Herrscher eines mehr als zwei Millionen Quadratkilometer großen Territoriums. Er führt den Kongo getrennt von der belgischen Regierung und entscheidet von Brüssel aus über seine Verwaltung. Auf dem Papier besitzt der neue Staat Grenzen, eine Flagge und internationale Anerkennung. In weiten Teilen des Landes verfügt er jedoch weder über Beamte noch über dauerhafte Stützpunkte.

Das zeigt sich besonders deutlich im Südosten. Dort herrscht Msiri über das Reich der Yeke und kontrolliert den Handel mit Kupfer sowie Elfenbein. Sechs Jahre nach der Berliner Konferenz kann er noch immer verhindern, dass Leopolds Vertreter einen Posten in seiner Hauptstadt Bunkeya errichten. Auch andernorts müssen die Neuankömmlinge verhandeln oder bewaffnete Expeditionen aussenden, um den Anspruch des fernen Königs durchzusetzen.

Die vier Elefanten von 1879 hatten keinen Transportweg nach Zentralafrika eröffnet. Die diplomatische Unternehmung war erfolgreicher: Innerhalb weniger Jahre hatte Leopold aus Komitees und Verträgen einen anerkannten Staat geformt. Im Sommer 1885 existierte dieser vor allem in europäischen Urkunden und auf Landkarten. Seine Herrschaft vor Ort begann erst – und mit ihr der Versuch, aus den gezeichneten Grenzen Einnahmen zu gewinnen.


Zum Weiterlesen

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Vanthemsche, G. (2012): Belgium and the Congo, 1885–1980.* Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Belgien und dem Kongo.

Wesseling, H. L. (1996): Divide and Rule. The Partition of Africa, 1880–1914.* Gesamtdarstellung der europäischen Aufteilung Afrikas und ihrer diplomatischen Voraussetzungen.

Bildnachweis

Titel: Arbeiter in Leopoldville, 1905.

Alle Bilder gemeinfrei.

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