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Konzentrationslager – Terror hinter Stacheldraht

Am 22. März 1933 trafen die ersten Gefangenen in einer stillgelegten Munitionsfabrik bei Dachau ein. Es waren vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten. Die Polizei hielt sie ohne jedes Gerichtsurteil in sogenannter Schutzhaft fest.

Schon der Begriff verdrehte die Wirklichkeit. Geschützt wurde niemand. Die Schutzhaft erlaubte es den neuen Machthabern, politische Gegner ohne ordentliches Gerichtsverfahren einzusperren. Wie lange die Haft dauerte, entschied keine unabhängige Justiz.

Dachau wurde bald zum bekanntesten Konzentrationslager des Deutschen Reiches. Sein Zweck veränderte sich jedoch grundlegend. Das Lager, das 1933 politische Gegner einschüchtern sollte, wurde zum Vorbild eines SS-Systems, das immer neue Gruppen erfasste. Bis zum Kriegsausbruch waren Konzentrationslager längst mehr als Gefängnisse für Oppositionelle.

Die ersten Lager entstehen überall

Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 nahmen Polizei und SA Tausende Gegner des Regimes fest. Gefängnisse waren rasch überfüllt. In Kellern und leerstehenden Fabriken entstanden improvisierte Haftstätten.

Diese frühen Lager unterstanden unterschiedlichen Stellen. SA-Männer betrieben eigene Einrichtungen, andernorts kontrollierte die Polizei die Gefangenen. Misshandlungen gehörten vielerorts zum Alltag. Bewacher schlugen Häftlinge und demütigten sie. Einzelne Gefangene wurden ermordet.

Himmler in Dachau, 1936

Dachau unterschied sich zunächst kaum von diesen frühen Lagern. Heinrich Himmler, damals Polizeipräsident von München, kündigte die Einrichtung öffentlich an. Das Lager sollte mehrere Tausend politische Gefangene aufnehmen.

Sein Name verbreitete sich schnell. Wer sich offen gegen das Regime stellte, musste damit rechnen, dort oder in einer ähnlichen Einrichtung zu landen.

Der Terror wirkte deshalb über die unmittelbar Inhaftierten hinaus. Familien wussten, dass Angehörige ohne Urteil verschwinden konnten. Ehemalige Parteifreunde sahen, was mit aktiven Gegnern geschah. Die Lager halfen der neuen Regierung damit, die organisierte Opposition innerhalb weniger Monate zu zerschlagen.

Theodor Eicke macht Dachau zum Modell

Im Sommer 1933 übernahm der SS-Führer Theodor Eicke die Leitung des Lagers Dachau. Unter ihm erhielt die Gewalt feste Regeln.

Eicke verlangte von den Wachmannschaften bedingungslosen Gehorsam und völlige Distanz zu den Gefangenen. Er legte Strafen fest und organisierte den Tagesablauf. Fluchtversuche oder angeblicher Widerstand konnten tödlich enden.

Die Willkür wurde dadurch zum Teil eines organisierten Systems.

Für die SS sollten die Häftlinge keine gewöhnlichen Gefangenen sein. Die Wachmannschaften lernten, sie als politische und gesellschaftliche Feinde zu betrachten. Ausbildung und Lagerordnung begünstigten und institutionalisierten die Misshandlungen.

Nach den Morden an der SA-Führung im Sommer 1934 stieg Eicke weiter auf. Himmler machte ihn zum Inspekteur der Konzentrationslager. Dachaus Organisation diente nun als Vorbild für das gesamte Lagersystem.

Damit begann die SS, die zuvor verstreuten Haftstätten unter einer gemeinsamen Führung zusammenzufassen.

SS-Wachablösung, Dachau, 1933

Haft ohne Richter

Die Grundlage der Einweisung blieb die Schutzhaft.

Wer eine reguläre Gefängnisstrafe verbüßte, wusste zumindest, wann sie enden sollte. Für KZ-Häftlinge galt das nicht. Polizeibehörden konnten ihre Freilassung verweigern oder nach einer kurzen Entlassung erneut zugreifen.

Besonders wichtig wurde dabei die Gestapo. Sie konnte Menschen in ein Konzentrationslager einweisen, ohne dass ein Gericht zuvor über Schuld oder Strafe entschieden hatte.

Dadurch entstand neben dem gewöhnlichen Strafrecht ein eigener Bereich der Verfolgung. Selbst ein Freispruch vor Gericht bedeutete nicht zwangsläufig Freiheit. Die politische Polizei konnte einen Mann anschließend in Schutzhaft nehmen.

Für die SS bildeten die Lager einen Raum, in dem die üblichen rechtlichen Sicherungen kaum noch galten.

Genau darin lag ihr Wert für die Diktatur. Das Regime musste nicht jede Form von Opposition zum Straftatbestand machen. Es konnte Gegner auch dann festhalten, wenn ein ordentliches Verfahren schwierig gewesen wäre.

1935 sind die Lager fast leer

Nach der ersten Verhaftungswelle sank die Zahl der KZ-Häftlinge deutlich. Anfang 1935 befanden sich nur noch ungefähr 3.000 Menschen in den Konzentrationslagern.

Die politischen Organisationen, gegen die sich die Verfolgung zunächst gerichtet hatte, waren weitgehend zerstört. SPD und KPD konnten im Reich kaum noch offen handeln. Viele ihrer Funktionäre saßen im Gefängnis oder lebten im Exil.

Das Lagersystem hätte damit seinen ursprünglichen Zweck erfüllt.

Die SS löste es jedoch nicht auf.

Stattdessen begann eine neue Phase. Himmlers Polizei suchte nun verstärkt nach Menschen, die nach nationalsozialistischen Maßstäben nicht in die gewünschte Gesellschaft passten. Die Lager dienten nun über die Unterdrückung politischer Opposition hinaus als Instrument, mit dem die SS unerwünschte Menschen dauerhaft aus der Gesellschaft entfernen konnte.

Neue Häftlinge hinter dem Stacheldraht

Neben politischen Gegnern kamen zunehmend andere Gefangene in die Lager.

Zellen in Dachau, 2011

Die Polizei verfolgte Männer wegen homosexueller Beziehungen. Zeugen Jehovas wurden eingesperrt, wenn sie den Führerkult ablehnten oder den Wehrdienst verweigerten. Menschen, die Behörden als sogenannte Berufsverbrecher oder Asoziale einstuften, konnten ebenfalls in Konzentrationslager eingewiesen werden.

Diese Begriffe waren bewusst weit gefasst. Unter die Kategorie „asozial“ konnten beispielsweise Obdachlose oder Bettler fallen. Behörden entschieden damit anhand nationalsozialistischer Vorstellungen darüber, wer als nützliches Mitglied der Gesellschaft gelten sollte.

1938 verschärfte sich dieses Vorgehen. Bei großen Verhaftungsaktionen griff die Polizei Tausende Männer auf, die sie als „arbeitsscheu“ oder „asozial“ bezeichnete.

Das Lager wurde damit zu einem Instrument gesellschaftlicher Auslese. Für eine Einweisung musste ein Mensch nicht gegen Hitler arbeiten. Es konnte genügen, dass eine Behörde seine Lebensweise für unerwünscht hielt.

Die SS baut neue Lager

Mitte der 1930er Jahre ließ Himmler das Lagersystem neu ordnen. Kleine Einrichtungen verschwanden, dafür entstanden größere Anlagen, die von Beginn an für eine längere Nutzung geplant waren.

1936 wurde Sachsenhausen bei Berlin errichtet. Ein Jahr später folgte Buchenwald bei Weimar. Weitere große Lager entstanden anschließend in Flossenbürg und nach dem Anschluss Österreichs in Mauthausen.

Die Standorte zeigten eine weitere Veränderung. Häftlinge sollten zunehmend arbeiten.

In Steinbrüchen mussten sie unter extremen Bedingungen schwere körperliche Arbeit leisten. Die SS begann eigene Unternehmen aufzubauen und betrachtete die Gefangenen immer stärker auch als verfügbare Arbeitskräfte.

Die wirtschaftliche Nutzung blieb vor dem Krieg noch hinter der politischen Funktion der Lager zurück. Dennoch war die Richtung erkennbar: Haft und Zwangsarbeit rückten enger zusammen.

Ein System mit eigener Logik

Wer in ein Konzentrationslager kam, verlor weitgehend die Kontrolle über den eigenen Alltag.

Die SS bestimmte Arbeitszeit und Strafen. Appelle konnten sich über Stunden ziehen. Bewacher entschieden, wann ein Verstoß vorlag und wie sie darauf reagierten.

Die Häftlinge wurden nach Kategorien gekennzeichnet. Damit übertrug die SS ihre Vorstellung gesellschaftlicher Feinde unmittelbar in das Lager.

Gewalt gehörte zum Alltag. Gleichzeitig entstanden genaue Dienstvorschriften und Verwaltungsakten. Dieser Gegensatz war kennzeichnend: Die Konzentrationslager verbanden bürokratische Organisation mit bewusst zugelassener Brutalität.

Die Lager dienten außerdem der Ausbildung der SS-Wachmannschaften. Männer lernten dort, Gefangene als Menschen zu behandeln, denen gegenüber gewöhnliche Maßstäbe nicht gelten sollten.

Diese Erfahrung sollte nach Beginn des Krieges weit über die Lager hinaus Bedeutung gewinnen.

Im November 1938 kommen 30.000 jüdische Männer

Festnahme von Juden in Baden-Baden

Die Novemberpogrome zeigten, wie schnell das inzwischen ausgebaute System für eine neue Verfolgungsaktion eingesetzt werden konnte.

Innerhalb weniger Tage ließ die Polizei rund 30.000 jüdische Männer festnehmen. Sie wurden vor allem nach Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen gebracht.

Die meisten sollten diesmal nicht dauerhaft dort bleiben. Die Haft diente dazu, die Auswanderung zu erzwingen.

Viele Männer wurden misshandelt. Angehörige versuchten währenddessen, Visa zu beschaffen und Reisepläne vorzulegen. Wer nachweisen konnte, Deutschland bald zu verlassen, erhöhte seine Aussicht auf Entlassung.

Das Konzentrationslager wirkte damit unmittelbar in die antisemitische Politik hinein. Der Terror hinter Stacheldraht sollte Entscheidungen außerhalb des Lagers erzwingen.

1933 hatte Dachau vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten aufgenommen. Fünf Jahre später konnte die SS Zehntausende Juden innerhalb weniger Tage in ihr Lagersystem verschleppen.

Ein Apparat wartet auf den Krieg

Bis 1939 war die Zahl der KZ-Häftlinge auf etwa 21.000 gestiegen. Das System hatte sich damit seit seinem Tiefstand von 1935 stark vergrößert.

Seine Funktion war ebenfalls eine andere geworden. Die Lager dienten weiterhin dazu, tatsächliche Gegner des Regimes einzusperren. Gleichzeitig verfolgte die SS dort Menschen, die sie aus rassistischen oder gesellschaftlichen Gründen aus der sogenannten Volksgemeinschaft ausschließen wollte.

Vor Kriegsbeginn dienten die Konzentrationslager noch nicht der systematischen Vernichtung, sondern zielten vor allem auf Haft, Terror und Zwangsarbeit. Viele Häftlinge überlebten ihre Gefangenschaft, manche wurden wieder entlassen.

Doch bis 1939 standen die wesentlichen Instrumente bereit: eine SS, die unabhängig von gewöhnlichen Gerichtsverfahren Menschen festhalten konnte, ein Netz großer Lager und Wachmannschaften, die Gewalt gegen entrechtete Gefangene als normalen Teil ihres Dienstes gelernt hatten.

Mit dem Überfall auf Polen im September 1939 änderten sich die Dimensionen. Die Herrschaft des Regimes erstreckte sich nun auf Millionen Menschen außerhalb Deutschlands. Das Lagersystem, das in Dachau mit deutschen politischen Gegnern begonnen hatte, wuchs mit diesem Krieg in eine neue Rolle hinein.


Zwangsarbeiter in Dachau, 1938

Zum Weiterlesen

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Bildnachweis

Titel: KZ Dachau, 1938. Bundesarchiv, Bild 152-23-07A / CC-BY-SA 3.0.

SS-Wachablösung: Bundesarchiv, Bild 152-01-22 / CC-BY-SA 3.0

Himmler: Bundesarchiv, Bild 152-11-12 / CC-BY-SA 3.0.

Festnahme: Bundesarchiv, Bild 183-86686-0008 / CC-BY-SA 3.0

Zwangsarbeiter: Bundesarchiv, Bild 152-26-20 / CC-BY-SA 3.0

Alle weiteren Bilder gemeinfrei.

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