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Tours und Poitiers 732 – Der Sieg, der zum Mythos wurde

Bei Tagesanbruch standen Karls Kämpfer mit gezogenen Waffen vor den Zelten des gegnerischen Heeres. Sie erwarteten eine Fortsetzung der Schlacht. Doch aus dem Lager kam kein Angriff.

Kundschafter näherten sich den Zelten und fanden sie verlassen vor. Das Heer aus al-Andalus war während der Nacht abgezogen. Sein Befehlshaber Abd al-Rahman war am Vortag gefallen. Karl hatte gesiegt, wusste aber zunächst nicht, ob der Rückzug echt war oder ob seine Gegner einen Hinterhalt vorbereiteten.

So schildert die Chronik von 754 den Morgen nach der Schlacht zwischen Tours und Poitiers. Ihr anonymer Verfasser lebte als Christ im muslimisch beherrschten Spanien und schrieb nur gut zwanzig Jahre nach dem Ereignis. Sein Bericht ist die ausführlichste frühe Darstellung des Kampfes.

Später wurde aus Karls Sieg die Rettung des christlichen Europa. Die Schlacht selbst lässt sich wesentlich schwerer fassen. Ihr genauer Ort ist ebenso unbekannt wie der exakte Tag. Zudem nennt kein verlässlicher Bericht die Größe der beiden Heere. Sicher ist, dass Karl im Oktober 732 einen weit nach Norden vorgedrungenen Gegner besiegte und damit seine eigene Stellung im Frankenreich erheblich stärkte.

Von Spanien über die Pyrenäen

Im Jahr 711 hatten muslimische Truppen aus Nordafrika die Meerenge von Gibraltar überquert. Innerhalb weniger Jahre brach das westgotische Königtum auf der Iberischen Halbinsel zusammen. Das eroberte Gebiet wurde als al-Andalus Teil des Umayyadenreichs, dessen Kalifen in Damaskus herrschten.

Die neuen Machthaber blieben nicht südlich der Pyrenäen. Um 719 fiel Narbonne, die wichtigste Stadt des westgotisch geprägten Septimanien. Von dort aus konnten muslimische Heere in das südliche Gallien vorstoßen.

Eudo, der Herzog von Aquitanien, hielt ihnen zunächst stand. Im Jahr 721 besiegte er vor Toulouse ein Heer unter dem Statthalter al-Samh. Dieser starb an den Folgen seiner Verwundungen. Der Erfolg verschaffte Eudo mehrere Jahre Ruhe, beseitigte die Gefahr aus al-Andalus aber nicht.

Weitere Verbände drangen durch das Rhônetal vor. Im Jahr 725 erreichten sie sogar Autun in Burgund. Solche Vorstöße konnten der Gewinnung von Beute und der Unterwerfung einzelner Städte dienen. Zugleich ließen sich dadurch neue Stützpunkte sichern. Ein über Jahrzehnte ausgearbeiteter Plan zur Eroberung des gesamten Frankenreichs lässt sich daraus nicht ableiten.

Als Abd al-Rahman al-Ghafiqi um 730 Statthalter von al-Andalus wurde, musste er zunächst seine Herrschaft im Norden der Iberischen Halbinsel festigen. Anschließend wandte er sich gegen Aquitanien.

Eudo zwischen Karl und al-Andalus

Eudo beherrschte Aquitanien weitgehend selbstständig. Während Karls Kampf um Pippins Erbe hatte er Chilperich II. und Raganfrid unterstützt. Nach ihrer Niederlage verständigte er sich mit Karl, bewahrte aber seine eigene Macht südlich der Loire.

Das Verhältnis blieb gespannt. Im Jahr 731 führte Karl zwei Feldzüge nach Aquitanien und nahm dabei reiche Beute. Eudo stand damit zwischen zwei mächtigen Gegnern: Im Norden versuchte Karl, seinen Einfluss über das gesamte Frankenreich auszudehnen; südlich der Pyrenäen bereitete Abd al-Rahman einen neuen Feldzug vor.

Eine karolingische Quelle behauptet später, Eudo habe die muslimischen Kämpfer selbst ins Land gerufen, um Karl zu schaden. Diese Darstellung sollte Eudo als unzuverlässigen Verbündeten erscheinen lassen. Die zeitnähere Chronik von 754 schildert den Zusammenhang anders: Abd al-Rahman griff Eudo an und besiegte ihn. Anschließend verfolgte er ihn nach Norden.

Die Route der Angreifer führte über die westlichen Pyrenäen nach Aquitanien. Eudo stellte sich dem Angreifer in der Nähe von Bordeaux entgegen. Sein Heer wurde vernichtend geschlagen. Bordeaux fiel, und die Sieger zogen mit zahlreichen Gefangenen und reichem Plündergut weiter.

Eudo konnte entkommen. Nach seiner Niederlage blieb ihm nur, Karl um Hilfe zu bitten.

Karl zieht nach Süden

Karl war zu diesem Zeitpunkt der mächtigste Mann im Frankenreich. Der merowingische König Theuderich IV. saß auf dem Thron, doch die Führung des Heeres lag beim Hausmeier. Karl hatte seine inneren Rivalen besiegt und seine Stellung durch Feldzüge gegen Sachsen und Friesen gefestigt. Auch gegen die Alemannen war er vorgegangen.

Nun ließ er in den Gebieten nördlich der Loire ein Heer aufbieten. Wie viele Männer seinem Aufruf folgten, ist unbekannt. Spätere Berichte nennen gewaltige Heere und riesige Verlustzahlen, doch solche Angaben dienten dazu, den Sieg eindrucksvoller erscheinen zu lassen.

Auch die Zusammensetzung von Karls Heer lässt sich nur ungefähr bestimmen. Die Chronik von 754 hebt die körperliche Stärke und Bewaffnung der Kämpfer aus Austrasien, dem östlichen Teil des Frankenreichs, hervor. Daraus entstand später das Bild einer geschlossenen fränkischen Infanterie, die den Angriffen muslimischer Reiter widerstand. Für eine genaue Rekonstruktion der Bewaffnung und der Formationen reichen die Quellen jedoch nicht aus. Auch die einzelnen Angriffe lassen sich nicht sicher nachzeichnen.

Unklar bleibt ebenso, welche Rolle Eudo nach seinem Hilferuf spielte. Wahrscheinlich schlossen sich aquitanische Kämpfer Karl an. Ob der Herzog während der entscheidenden Schlacht persönlich an seiner Seite kämpfte, lässt sich nicht sicher feststellen.

Karl marschierte nach Süden und stellte sich Abd al-Rahman auf dessen Weg in Richtung Tours entgegen.

Ein unbekanntes Schlachtfeld

Tours und Poitiers liegen ungefähr hundert Kilometer auseinander. Irgendwo zwischen beiden Städten trafen die Heere aufeinander. Die zeitgenössischen Quellen lassen den genauen Ort offen.

Häufig wird das Schlachtfeld bei Moussais-la-Bataille gesucht, nördlich von Poitiers. Der Name des heutigen Ortes ist jedoch kein Beweis. Andere Stellen entlang der alten Straße zwischen den beiden Städten kommen ebenfalls infrage.

Abd al-Rahman

Auch der 10. Oktober 732, der oft als Schlachttag genannt wird, ist nicht zuverlässig belegt. Frühe fränkische Jahrbücher verzeichnen lediglich einen Samstag im Oktober. Selbst das Jahr wurde gelegentlich infrage gestellt. Die meisten Darstellungen setzen das Treffen weiterhin in den Oktober 732.

Abd al-Rahman befand sich tief in Aquitanien. Seine Männer führten die Beute aus Bordeaux und weiteren geplünderten Orten mit sich. Vor ihnen lag Tours mit der Grabeskirche des heiligen Martin. Das Heiligtum besaß große religiöse Bedeutung und verfügte über beträchtliche Schätze.

Ob Tours von Anfang an das Hauptziel des Feldzuges gewesen war, bleibt offen. Nach dem Sieg über Eudo bot die Stadt jedenfalls ein lohnendes Ziel. Karl musste Abd al-Rahmans Heer abfangen, bevor es die Loire erreichte und weiter in die fränkischen Kerngebiete vordringen konnte.

Sieben Tage vor der Entscheidung

Nach dem Bericht der Chronik von 754 standen sich beide Heere beinahe sieben Tage lang gegenüber. Kleinere Angriffe und Erkundungen gingen der eigentlichen Schlacht voraus. Offenbar warteten beide Befehlshaber auf einen günstigen Augenblick.

Der Chronist beschreibt Karls Kämpfer als dicht geschlossene Masse. Sie hätten wie eine unbewegliche Wand ausgehalten. Dieses Bild vermittelt einen Eindruck von der Disziplin, die der Verfasser den Austrasiern zuschrieb. Es liefert jedoch keinen genauen Schlachtplan.

Ebenso wenig ist gesichert, dass ausschließlich muslimische Reiter gegen fränkische Fußkämpfer anrannten. Beide Heere dürften Reiter und Fußsoldaten umfasst haben. Die spätere Vorstellung, Karl habe mit einer neuartigen fränkischen Infanterietaktik sämtliche Reiterangriffe abgewehrt, geht über das hinaus, was die Quellen erkennen lassen.

Am entscheidenden Tag entwickelte sich ein harter Kampf. Abd al-Rahmans Männer konnten Karls Aufstellung nicht durchbrechen. Im Verlauf der Auseinandersetzung fiel der Statthalter von al-Andalus.

Mit seinem Tod verlor das muslimische Heer seinen Befehlshaber. Als die Dunkelheit einsetzte, endeten die Kämpfe zunächst. Die beiden Seiten blieben in ihren Lagern.

In der Nacht zogen Abd al-Rahmans Männer ab.

Das verlassene Lager

Die Gegner hatten das Lager tatsächlich aufgegeben. Karl ließ sie trotzdem nicht über größere Entfernung verfolgen, weil er weiterhin einen Hinterhalt fürchtete. Seine Männer nahmen stattdessen die zurückgelassene Beute an sich und kehrten nach Norden zurück.

Für das Heer aus al-Andalus war der Feldzug damit gescheitert. Es hatte Bordeaux erobert, war jedoch vor Tours gestoppt worden. Mit Abd al-Rahman verlor es zudem seinen Befehlshaber. Der nächtliche Rückzug verhinderte wahrscheinlich weitere Verluste und brachte die Überlebenden über die Pyrenäen zurück.

Karl hatte einen Gegner besiegt, der zuvor Eudos Heer zerschlagen hatte. Der Sieg zeigte, dass der Hausmeier weit über seine austrasische Heimat hinaus große Schlachten schlagen konnte.

Wer waren die „Europäer“?

Die Chronik von 754 bezeichnet Karls Kämpfer an einer Stelle als Europenses, als Europäer. Diese ungewöhnliche Wortwahl wurde später häufig als Beleg dafür angeführt, dass bei Tours und Poitiers erstmals ein gemeinsames Europa gegen den Islam gekämpft habe.

Eine solche Deutung geht zu weit. Der Chronist verwendete den Ausdruck nur vereinzelt. Karls Heer war kein gesamteuropäisches Bündnis. Es bestand vielmehr vor allem aus Männern aus dem Frankenreich und möglicherweise aus Aquitanien. Byzantiner, Langobarden, Angelsachsen und andere christliche Völker Europas waren an der Schlacht nicht beteiligt.

Auch die Gegner bildeten keine einheitliche arabische Streitmacht. Im Heer aus al-Andalus kämpften wahrscheinlich sowohl Araber als auch Berber. Zwischen diesen Gruppen bestanden Spannungen, die das muslimisch beherrschte Spanien in den folgenden Jahren schwer erschüttern sollten.

Die Schlacht war damit ein Kampf zwischen zwei Heeren mit konkreten politischen Zielen. Karl verteidigte seinen Einfluss südlich der Loire und schützte die fränkischen Gebiete. Abd al-Rahman wollte Eudo ausschalten und die Macht von al-Andalus nördlich der Pyrenäen ausweiten. Auch die Aussicht auf reiche Beute trieb den Feldzug voran.

Das Ende der muslimischen Vorstöße?

Tours und Poitiers beendete die muslimische Präsenz im südlichen Gallien nicht. Narbonne blieb weiterhin unter der Herrschaft von al-Andalus. Auch in den folgenden Jahren drangen muslimische Heere in die Provence und nach Burgund vor.

Karl musste erneut in den Süden ziehen. In den 730er-Jahren kämpfte er unter anderem bei Avignon und Narbonne. Obwohl er mehrere Städte einnahm und gegnerische Heere besiegte, konnte er Narbonne selbst nicht erobern. Die Stadt fiel erst 759 unter seinem Sohn Pippin.

Der Sieg von 732 bildete daher keine undurchdringliche Grenze an den Pyrenäen. Er entschied auch keinen jahrhundertelangen Kampf zwischen Christentum und Islam. Dafür waren die politischen Verhältnisse auf beiden Seiten zu wechselhaft. Muslimische Herrscher verbündeten sich mit Christen und christliche Große kämpften gegeneinander. Viele dieser Vorstöße sollten vor allem Gefangene und Wertsachen einbringen.

Bedeutungslos war die Schlacht dennoch keineswegs. Ein großes Heer aus al-Andalus war tief nach Aquitanien vorgedrungen und hatte Eudo geschlagen. Karl zwang es zum Rückzug und verhinderte einen Angriff auf Tours. Zugleich überlebte Eudos weitgehend selbstständige Stellung den Feldzug nur geschwächt.

Karls größter Gewinn

Eudo starb wahrscheinlich 735. Karl zog erneut nach Aquitanien und zwang dessen Sohn Hunoald zur Anerkennung seiner Überlegenheit. Der Sieg von 732 hatte ihm damit auch im Südwesten des Frankenreichs neue Möglichkeiten eröffnet.

Noch wichtiger war Karls wachsendes Ansehen. Er konnte sich als Beschützer bedeutender Kirchen und als erfolgreicher Heerführer darstellen. Beute aus seinen Feldzügen half ihm, Anhänger zu belohnen. Geistliche Einrichtungen waren zugleich auf seinen militärischen Schutz angewiesen, auch wenn Karl für seine Krieger wiederholt auf kirchlichen Besitz zugriff.

Den Beinamen „Martell“, der Hammer, erhielt er erst lange nach seinem Tod. Er entstand auch nicht nachweisbar unmittelbar aus dem Sieg von 732. Dennoch wurde die Schlacht später zum Ereignis, das sich am stärksten mit seinem Namen verband.

Sarkophag Karls, Saint-Denis

Besonders seit dem 18. und 19. Jahrhundert stilisierten europäische Autoren Karl zum Retter des Abendlandes. Sie entwarfen gewaltige Gegenbilder: Bei einer Niederlage Karls, so behaupteten sie, hätte sich der Islam über ganz Westeuropa ausgebreitet. Solche Vorstellungen sagen viel über die religiösen und nationalen Konflikte jener späteren Zeit aus. Für die Ziele Abd al-Rahmans liefern sie keinen Beweis.

Karl brauchte diesen Mythos zu Lebzeiten nicht. Sein tatsächlicher Erfolg war groß genug. Er hatte einen gefährlichen Feldzug gestoppt und den gegnerischen Befehlshaber besiegt. Zugleich baute er seine Vorrangstellung gegenüber Eudo weiter aus.

König wurde Karl trotzdem nicht. Bis zu seinem Tod 741 blieb er Hausmeier, zeitweise sogar ohne einen Merowinger auf dem Thron. Doch nach Tours und Poitiers zeigte sich immer deutlicher, dass die militärische Macht des Frankenreichs bei seiner Familie lag. Sein Sohn Pippin sollte daraus eine weitreichende Konsequenz ziehen.


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Jussen, B. (2024): Die Franken. Geschichte, Gesellschaft, Kultur.*

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Karl Ubl (2024): Die Karolinger: Herrscher und Reich.*

Scholz, S. (2015): Die Merowinger.*

Bildnachweis

Titel: Schlacht zwischen Eudo und Karl, 1837.

Karl Gabbildnis: Wikimedia Commons, J. Patrick Fischer. Wikimedia Commons 2.5.

Alle Bilder gemeinfrei.

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