Am Morgen des 5. Oktober 1789 versammeln sich Frauen auf den Pariser Märkten. Brot ist knapp und teuer. Auf dem Markt in der Rue du Faubourg Saint-Antoine und an anderen Orten wächst die Menge. Frauen ziehen zum Hôtel de Ville und verlangen, dass die Stadtverwaltung für Brot sorgt. Bald richtet sich ihr Zorn nicht mehr nur gegen Händler und Behörden in Paris. Versailles liegt rund zwanzig Kilometer entfernt. Dort befinden sich der König und die Nationalversammlung.
Mehrere Tausend Menschen machen sich auf den Weg. Viele der Frauen arbeiten als Händlerinnen oder Dienstbotinnen. Andere führen kleine Werkstätten oder versorgen ihre Familien mit wechselnden Tageseinkünften. Regen begleitet den Zug nach Versailles. Einige tragen Musketen, andere haben sich mit improvisierten Waffen ausgerüstet. Kanonen, die zuvor am Hôtel de Ville erbeutet worden sind, werden mitgeführt.
Brot und Politik
Die unmittelbare Forderung gilt der Versorgung. Seit Monaten belasten hohe Brotpreise die Pariser Bevölkerung. Gerade für Familien mit niedrigen Einkommen entscheidet der Brotpreis darüber, ob das Geld bis zum nächsten Verdienst reicht.
Doch der Marsch erhält schnell eine politische Bedeutung. Ludwig XVI. hat die Beschlüsse der Nationalversammlung vom August und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte noch nicht vorbehaltlos angenommen. In Paris kursiert außerdem der Verdacht, der Hof wolle die Revolution zurückdrängen.

Ein Fest im Schloss von Versailles trägt zu dieser Stimmung bei. Ende September haben Offiziere des königlichen Leibregiments dort Angehörige eines neu eingetroffenen Regiments empfangen. Berichte behaupten anschließend, Teilnehmer hätten revolutionäre Kokarden missachtet und ihre Verbundenheit mit dem König demonstrativ gefeiert. Zeitungen in Paris greifen die Geschichte auf. Ob jedes berichtete Detail stimmt, spielt für die Wirkung kaum noch eine Rolle. Viele Pariser sehen darin einen weiteren Hinweis darauf, dass am Hof Widerstand gegen die Revolution vorbereitet werde.
Vor der Nationalversammlung
Am Nachmittag erreichen die ersten Gruppen Versailles. Frauen drängen in den Sitzungssaal der Nationalversammlung. Eine Abordnung trägt ihre Beschwerden vor. Sie fordert vor allem Brot und Maßnahmen gegen die schlechte Versorgung.
Die Abgeordneten können diese Forderung nicht einfach erfüllen. Getreide lässt sich nicht durch einen Parlamentsbeschluss herbeischaffen. Doch sie können Druck auf den König ausüben. Eine Gruppe von Frauen wird zum Schloss geschickt, um Ludwig XVI. unmittelbar mit den Forderungen zu konfrontieren.
Der König empfängt einige von ihnen. Er verspricht, für Getreidelieferungen nach Paris zu sorgen. Zugleich erklärt er sich bereit, die Beschlüsse vom August und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte anzunehmen. Damit erreicht die Menge in wenigen Stunden etwas, worüber die Nationalversammlung seit Wochen mit dem Hof gestritten hat.
Viele Frauen bleiben dennoch in Versailles. Sie wollen sicherstellen, dass die Zusagen eingehalten werden.
Lafayette folgt nach Versailles

Währenddessen wächst in Paris der Druck auf die Nationalgarde. Zahlreiche Gardisten verlangen, ebenfalls nach Versailles zu marschieren. Ihr Kommandant Lafayette versucht zunächst, sie zurückzuhalten. Schließlich gibt er nach.
Am Abend erreicht die Nationalgarde Versailles. Lafayette begibt sich zum König und versichert ihm, dass seine Männer für Sicherheit sorgen würden. Spät in der Nacht scheint sich die Lage zu beruhigen. Viele Teilnehmer des Marsches schlafen in Versammlungssälen oder unter freiem Himmel.
Die Ruhe hält nur wenige Stunden.
Am frühen Morgen des 6. Oktober dringen Teile der Menge auf das Gelände des Schlosses vor. Einige gelangen in das Gebäude. Königliche Leibgardisten versuchen, den Zugang zu den Räumen der königlichen Familie zu verhindern. Es kommt zu Kämpfen. Zwei Leibgardisten werden getötet.
Marie Antoinette kann ihre Räume verlassen und zum König gelangen. Nationalgardisten greifen ein und stellen die Kontrolle im Schloss wieder her. Lafayette versucht anschließend, König und Königin vor der versammelten Menge zu zeigen und die Situation zu beruhigen.
Doch draußen wird inzwischen eine eindeutige Forderung gerufen: Der König soll nach Paris kommen.
Ludwig XVI. stimmt zu.
Der König verlässt Versailles
Am Nachmittag des 6. Oktober setzt sich ein langer Zug in Richtung Paris in Bewegung. Nationalgardisten begleiten die königliche Kutsche. Teilnehmer des Marsches folgen. Wagen mit Getreide werden mitgeführt.
Die königliche Familie verlegt ihren dauerhaften Wohnsitz in den Tuilerienpalast. Damit endet Versailles als Machtzentrum der französischen Monarchie. Die Nationalversammlung folgt bald darauf nach Paris.
Paris rückt näher
Dort arbeitet sie fortan unter anderen Bedingungen. Ihre Abgeordneten stehen unter den Augen einer wachsamen Presse und demonstrationsbereiter Bürger. Politische Klubs verfolgen die Debatten und versuchen, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen.
Ludwig XVI. bleibt König. Die Nationalversammlung arbeitet weiter an einer Verfassung, die ihm einen festen Platz im neuen Staat geben soll. Doch seit dem 6. Oktober lebt der Monarch unter den Augen der Pariser Bevölkerung.
In den folgenden Monaten wird sich deshalb eine Frage immer schwerer verdrängen lassen: Kann Ludwig XVI. mit der Revolution regieren, oder sucht er einen Weg, sich ihrem Zugriff wieder zu entziehen?
Zum Weiterlesen
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- Thamer, H. U. (2023): Die Französische Revolution. C.H. BECK Wissen.*
- Willms, J. (2025): Tugend und Terror: Geschichte der Französischen Revolution.*
Bildnachweis
Titel: Der König verspricht, mit seiner Familie nach Paris zu kommen. Artilleriesalut vor dem Schloss von Versailles, 6. Oktober 1789.
Gallerie des Glaces: Wikimedia Commons, Myrabella. CC BY-SA 3.0.




