Im Sommer 1945 stellten Mitarbeiter des Entlassungszentrums Fort Meade in Maryland Tausenden Soldaten dieselbe Frage: Was wollten sie nach ihrer Rückkehr ins Zivilleben tun? Viele der ersten Heimkehrer suchten einen neuen Anfang. Etwa die Hälfte wollte sich eine andere Arbeit suchen, nur ein kleinerer Teil plante die Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz.
Mit jedem Monat verschob sich das Verhältnis. Im November erklärten bereits rund die Hälfte der Befragten, sie wollten ihre alte Stelle wiederhaben. Sinkende Beschäftigungschancen und die Notwendigkeit eines regelmäßigen Einkommens dämpften die Erwartungen.
Fast 100.000 Männer durchliefen Fort Meade während dieser Monate. Sie hatten den Krieg überlebt, doch zu Hause erwarteten sie neue Ungewissheiten. Würden die Fabriken sie beschäftigen, wenn keine Panzer und Bomber mehr gebraucht wurden? Konnten sie eine unterbrochene Ausbildung fortsetzen?
Die amerikanische Regierung hatte bereits eine Antwort vorbereitet. Sie versprach den Veteranen Geld für den Übergang und bezahlte ihre Ausbildung. Millionen Heimkehrer sollten dadurch Zeit gewinnen, bevor sie auf den Arbeitsmarkt drängten.
Die Erinnerung an die Bonus Army
Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnete den Servicemen’s Readjustment Act am 22. Juni 1944. Der Krieg in Europa dauerte noch fast elf Monate. Doch im Kongress liefen längst die Vorbereitungen auf die Heimkehr der Soldaten. Die American Legion drängte ebenfalls auf ein umfassendes Hilfsprogramm.
Die Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg wirkten nach. Damals hatte der Kongress Veteranen eine zusätzliche Entschädigung zugesagt, ihre Auszahlung jedoch um Jahre verschoben. Während der Weltwirtschaftskrise zogen 1932 Tausende ehemalige Soldaten nach Washington und verlangten das Geld sofort. Präsident Herbert Hoover ließ die sogenannte Bonus Army schließlich durch reguläre Truppen vertreiben.
Diese Bilder hatten sich eingeprägt. Rund 16 Millionen Amerikaner dienten während des Zweiten Weltkriegs in den Streitkräften. Ihre beinahe gleichzeitige Entlassung konnte den Arbeitsmarkt erschüttern. Fabriken stellten ihre militärische Produktion ein, während Rüstungsarbeiter ihre Stellen verloren.
Eine neue Massenarbeitslosigkeit bedrohte daher auch die politische Stabilität. Der GI Bill sollte den Übergang ordnen und den Veteranen zeigen, dass der Staat ihren Einsatz anerkannte.
Zwanzig Dollar pro Woche

Arbeitslose Heimkehrer konnten bis zu 52 Wochen lang wöchentlich 20 Dollar erhalten. Diese Unterstützung wurde als „52-20 Club“ bekannt. Sie sollte verhindern, dass ein Veteran die erstbeste Arbeit annehmen musste, nur um seine Familie zu ernähren.
Kritiker fürchteten, die Zahlungen könnten Männer vom Arbeiten abhalten. Tatsächlich wurde nur ein kleiner Teil der bereitgestellten Gelder ausgeschöpft. Die meisten Veteranen suchten rasch eine Stelle oder entschieden sich für eine Ausbildung.
Der Staat übernahm Studiengebühren und zahlte einen Zuschuss zum Lebensunterhalt. Ein Veteran erhielt zunächst ein Ausbildungsjahr. Je nach Dauer seines Militärdienstes konnte die Förderung auf insgesamt vier Jahre steigen.
Damit ließ sich ein Schulabschluss nachholen oder eine Universität besuchen. Andere Heimkehrer erlernten mit staatlicher Unterstützung einen Beruf. Auch praktische Schulungen am Arbeitsplatz wurden gefördert.
Soldaten im Hörsaal
Viele Hochschulleiter begegneten den angekündigten Studentenmassen zunächst mit Skepsis. Sie fürchteten überfüllte Seminare und Männer, die nach Jahren im Militär nicht mehr in einen Hörsaal passten. Die Veteranen widerlegten diese Erwartungen. Viele arbeiteten zielstrebig, weil sie Zeit verloren hatten und inzwischen Familien ernährten.
Von mehr als 15 Millionen Anspruchsberechtigten nutzte etwa die Hälfte eine Bildungsleistung. Rund 2,2 Millionen Veteranen besuchten eine Universität oder absolvierten ein weiterführendes Studium. Weitere 3,5 Millionen gingen auf andere Schulen.
Etwa 1,4 Millionen erhielten eine Ausbildung am Arbeitsplatz. Ungefähr 700.000 ließen sich für die Landwirtschaft schulen.
1947 stellten Veteranen fast die Hälfte aller neu zugelassenen Studenten an amerikanischen Hochschulen. Universitäten bauten Baracken zu Unterrichtsräumen um. Für verheiratete Studenten entstanden provisorische Unterkünfte, in denen junge Familien während des Studiums lebten.
Der Zugang zum Studium weitete sich damit über wohlhabende Familien hinaus. Zahlreiche Veteranen ergriffen akademische Berufe. Andere kehrten als besser ausgebildete Facharbeiter in die Industrie zurück.
Ungleiche Voraussetzungen
Der GI Bill öffnete nicht jedem Soldaten dieselbe Tür. Besonders häufig nutzten Männer die Förderung, die bereits vor dem Krieg eine weiterführende Schule oder Hochschule besucht hatten. Für sie beseitigte das Gesetz vor allem finanzielle Hindernisse.

Wer ohne Schulabschluss zurückkam und sofort eine Familie versorgen musste, konnte selbst mit staatlichem Zuschuss selten mehrere Jahre studieren. Viele dieser Veteranen entschieden sich für eine kürzere Berufsausbildung. Einige brachen ihre Kurse ab, weil der Unterhalt für eine Familie nicht ausreichte.
Der GI Bill ermöglichte auch Arbeitern einen beruflichen Aufstieg. Häufiger half er jedoch einem Veteranen, einen bereits begonnenen Bildungsweg fortzusetzen. Vorhandene Unterschiede verschwanden dadurch nicht.
Auch die Qualität der Angebote schwankte. Anerkannte Hochschulen erhielten die Gebühren ihrer Veteranen direkt vom Staat. Im Bereich der Berufsausbildung entstanden dagegen zahlreiche private Schulen, deren Kurse wenig Wert besaßen. Manche Anbieter interessierten sich stärker für die staatlichen Zahlungen als für die Ausbildung ihrer Teilnehmer.
Dennoch veränderte das Gesetz die Hochschulen dauerhaft. Viele Familien, in denen zuvor niemand studiert hatte, erlebten nun, dass ein Sohn mit staatlicher Hilfe einen Abschluss erwerben konnte. Die Zahl der Studenten wuchs, Universitäten bauten neue Einrichtungen und ein Hochschulabschluss gewann auf dem Arbeitsmarkt an Bedeutung.
Die Männer, die 1945 in Fort Meade nach ihren Plänen gefragt worden waren, kehrten deshalb in eine Gesellschaft zurück, die sich während ihrer Ausbildung weiter veränderte. Viele betraten den Arbeitsmarkt einige Jahre später mit einem Abschluss, den sie sich vor dem Krieg kaum hätten leisten können.
Zum Weiterlesen
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Cohen, L. (2003): A Consumers’ Republic. The Politics of Mass Consumption in Postwar America.* Gesellschaftsgeschichte des amerikanischen Nachkriegswohlstands mit einer differenzierten Einordnung des GI Bill.
Patterson, J. T. (1996): Grand Expectations. The United States, 1945–1974.* Umfassende Darstellung der amerikanischen Nachkriegsgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Veränderungen.
Bildnachweis
Titel: Franklin D. Roosevelt unterschreibt die GI Bill.
Alle Bilder gemeinfrei.




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